Viele waren überrascht, dass ich mich entschieden habe, nach über 13 Jahren die Gefängnisseelsorge zu verlassen. Ich bin auch noch manchmal über diese Entscheidung erstaunt. Ich gebe zu, ich finde mich da sehr mutig, weil ich noch nicht weiß: begebe ich mich in brachliegendes Land, das bestellt werden möchte, in die Wüste oder aufs Glatteis? Vielleicht erzähle ich nochmal von ganz vorne….
Ludwigshafen – meine Heimat
Ich gehöre zu den Verrückten, die an die Stadt Ludwigshafen glauben. Es ist meine Heimat und die Stadt war – nicht nur kirchlich – immer schon ein schwieriges Pflaster. Doch es ist eine Stadt, die sich schon immer den Herausforderungen gestellt hat und versucht, sich immer wieder neu zu erfinden. Manche sagen, es sei eine Stadt im Niedergang, doch das wurde vor 40 Jahren auch schon gesagt. „Früher war alles besser“ scheint für Lu nicht zu stimmen. Eine ganz frühe Kindheitserinnerung von mir ist das nagelneue Rathauscenter mit Türen, die sich von ganz alleine öffnen – „Sesam öffne dich!“ Da war ich vielleicht sechs Jahre alt und durfte zum ersten Mal ins Kino. Im Corso lief „das Dschungelbuch“ und ich weiß heute noch genau, wo ich gesessen hatte.
In der weiterführenden Schule hatte ich dann eine Monatskarte und war fast wöchentlich in der Stadt, um in der Bücherei neues Lesematerial auszuleihen. Mein Weg führte dabei sehr oft durch den Kaufhof, den Horten und die Kaufhalle. Später gehörten dann noch die Plattenläden am Lichttor und neben dem „Union Kino“ zu meinem Programm – an die Namen kann ich mich gar nicht mehr erinnern.
Anfang der 90er hieß es dann, dass die Walzmühle abgerissen wird. In der alten Fabrikhalle wurden vorher noch einige wilde Partys gefeiert und Konzerte gegeben. Dann kam zur Jahrtausendwende die „Wühlmaus“ – ein Maskottchen für eine große Veränderung des Stadtbilds. Das Walzmühlcenter wurde gebaut, die Unterführung am Berliner Platz verschwand und der Berliner Platz wurde neu – naja – „gestaltet“.
Seitdem sind über 20 Jahre vergangen und die (Innen-)Stadt muss sich wieder einmal neu erfinden. Die Tortenschachtel am Berliner Platz ist schon fast zehn Jahre einer riesigen Baugrube gewichen, an der es – jetzt endlich – weiter gehen soll. Die Hochstraße Süd wurde in – für deutsche Verhältnisse – rekordverdächtiger Zeit abgerissen und neu gebaut. Das Rathauscenter ist fast vollständig verschwunden und zumindest vorübergehend Teil einer riesigen Kraterwüste.
2025 – eine Idee entsteht
In diese absehbaren Umbrüche hinein kamen mir im Frühjahr und Sommer 2025 immer mehr Ideen, wie man kirchlicherseits diese Veränderungen begleiten und eigene Akzente setzen könnte. Im Gefängnis bin ich jahrelang Menschen begegnet – Bediensteten und Gefangenen – die in ihrem Leben „draußen“ kaum mit Kirche in Berührung kommen und ich bin der Überzeugung, dass wir auch den Menschen außerhalb unserer Kirchengemeinden etwas zu bieten haben. Dazu müssen wir unsere Kirchtürme verlassen und dort sichtbar werden, wo Menschen leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Also rein auch in die Innenstadt und in neu entstehende Stadtquartiere, rein auch in die Stadtgesellschaft und in die Veranstaltungen, die es im Stadtleben so gibt: Weihnachtsmarkt, Stadtfest, Straßentheater, Filmfestival.
Mir ist bewusst, dass ich diese Ideen nicht als Erstes hatte und dass schon einiges versucht wurde. Und ich weiß, dass die Wenigsten darauf warten, dass sich die Kirche „endlich“ auch einbringt. Doch das Bistum schafft gerade so genannte Pionierstellen. Hier soll experimentiert werden. Hier werden zeitliche Kapazitäten für Seelsorgende geschaffen, um sich in den Feldern ausprobieren, für die es „Alltagsgeschäft“ der Pfarreiarbeit keine Zeit, keine Kraft oder keine Ressourcen gibt.
Also wage ich den Aufbruch, weil ich gerade richtig Lust habe, mich auszuprobieren. Ich will mich mit Menschen vernetzen und gemeinsam darüber phantasieren, wie die Botschaft Jesu genau hier und jetzt Frucht bringen könnte. Ja, ich verlasse meine „Traumstelle“ Gefängnisseelsorge – und wechsle an eine neue „Traumstelle“, die ich mit konzipieren und mit Leben füllen darf. Befristet für drei bis sechs Jahre einfach mal das tun, was sich gerade an Möglichkeiten bietet. Ich freue mich und bin gespannt.